Wanderung der Erinnerungen (Oxford)

Apexstylez Poetry
Date 1 Oktober 2014
Kai Lambion

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Es fallen mir tausend Gründe ein, warum ich so gerne hier bin. Es fallen mir tausend Geschichten ein, die diese vertraute Umgebung zu erzählen weiß. Es fallen mir tausend Momente ein, die mir in der Zeit, in der ich diese Stadt mein Zuhause nannte, widerfahren sind. Ich liebe die Atmosphäre der Stadt, ich mag die Leute, die es mir vergönnt war kennenzulernen. All die Gassen und historischen Gebäude, die nicht nur Geschichten aus vergessenen Tagen zu erzählen haben – nein mehr noch, sie erzählen auch einen Teil meiner ganz persönlichen Geschichte. Während ich durch die altertümlichen Straßen der englischen Studentenstadt schlendere, in denen man zu spüren scheint, welche wichtigen Persönlichkeiten hier einst einen Fuß vor den anderen gesetzt haben, verliere ich mich in Gedanken, um das was hier einmal war. Ich befinde mich auf einer Wanderung der Erinnerungen, untermalt von Worten der Schriftsteller Tolkien, Hemmingway und Carroll, die einst auch hier entlang stolziert sein müssen und sich von dieser Umgebung haben inspirieren lassen.
Jede Ecke erweckt den Eindruck, mich auf irgendeine Art und Weise einzuholen, mal zaubert sie ein Grinsen auf mein Gesicht, mal muss ich tief durchatmen. Erinnerungen sind wie Magie und ich sehe Szenen aus längst vergangenen Zeiten vor meinem geistigen Auge. Sie erscheinen wie Hologramme am Straßenrand und brennen sich auf meine Augäpfel als hätte ich zu lange ins Licht geblickt, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.
Was geschieht nur mit mir? Nach einer Weile gelange ich zu einem Park, der mir seine Pforten öffnet. Ich betrete das Gras und drehe mich um. Ob mich jemand erkennt? Als meine nachdenklichen Augen kein Gesicht mit einer gemeinsamen Geschichte zu erkennen glauben, bette ich mich auf dem Rasen zu meinen Füßen. Dort liege ich nun in einem der vielen grünen Parks im Herzen der Stadt, umrandet von schweren schwarzen Metallzäunen, die auch meine Gedanken einzupferchen vermögen. Die weichen Grashalme scheinen die Gedanken aus mir heraus zu kitzeln, also schweben sie empor zu den weißen Gebilden am Firmament. Ich gucke den Wolken zu, wie sie an mir vorüberziehen, und lasse meine Gedanken mit ihnen treiben. Ein Moment der Reflexion überkommt mich. Ich glaube meinen Körper auf dem grünen Untergrund hinterlassen zu haben, bis meine Seele durch Stimmen aus der Ferne zurück unter meine Haut gezogen wird. Diese wortbehangenen Schallwellen erwecken in mir den Anschein in den sechs Jahren, als mir diese Stadt ein Zuhause war, eine Rolle gespielt zu haben. Doch als meine Augen wieder auf meine Gedanken reagieren, vermischen sich Wahrnehmung und Erkenntnis nicht zu einem positiven Ergebnis.
Was passiert nur mit mir? Ich richte mich auf und schaue, wo die Stimmen herkommen könnten. Ist nichts davon real? Habe ich das alles nur erfunden und erträumt? Ich stehe auf und setze meinen Spaziergang durch die Umgebung, die mir einst so vertraut war, fort. Ich merke, wie die Erinnerungen in mir arbeiten. Sie sind wie ein Film, den ich lange nicht gesehen habe. Ich mag ihn, er birgt viele schöne Erinnerungen, doch auf einmal wird mir bewusst, dass ich diesen Film schon zu oft gesehen habe und es Gründe gab, warum er auf der imaginären Kommode verstaubte.
Mit anderen Worten: ich bin aus diesen Schuhen herausgewachsen. Sie haben mir lange gefallen. Ich habe sie sehr gerne getragen und sie haben mich zu vielen Orten der Möglichkeiten geleitet, doch ich habe mich verändert, habe jetzt einen neuen Stil. Ich habe mich weiterentwickelt, bin nicht mehr derselbe, der ich einst war. Viel ist in diesen Gassen passiert, ich habe viel gelernt, ich bin als Persönlichkeit gereift – dafür bin ich sehr dankbar!
Das Leben, welches am anderen Ende des Wassers auf mich wartet, erfüllt mich mehr. Die neuen Schuhe stehen mir besser und ich trage sie momentan lieber. Mir wird bewusst, dass ich mich hier in der Vergangenheit bewege, doch Gegenwart und Zukunft habe ich mir an einem anderen Ort neu zugelegt, habe dort meinen Stil geändert oder vielleicht gefunden. Hier war ich glücklich solange es meine Gegenwart bestimmt hat und habe es in vollsten Zügen genossen, doch der Wind hat sich gedreht, ich atme tief ein und schmecke das Geborgenheitsgefühl eines Zuhauses weit weg von hier. Also genieße ich die Faszination der Erinnerung für diesen Moment bis ich wieder heimkehre…

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